Abi Melzer präsentierte Goldstone-Bericht

Deutsche Ausgabe erscheint Mitte März

Von Charly Kneffel

Das schließt eine wichtige Lücke auf dem Buchmarkt. Mitte März wird die deutsche Ausgabe des berühmten Goldstone-Berichts erstmals auf deutsche in der SEMIT edition im Melzer Verlag erscheinen, erweitert um einen wissenschaftliche Apparat und ein Glossar, welche so in der englischen Original-Ausgabe nicht vorkommen. Leicht zu lesen wird er allerdings nicht, umfaßt er doch immerhin 650 Seiten, doch für das Verständnis der Lage im Nahen Osten ist er unerläßlich.



Am Samstag, den 16. Januar präsentierte Abraham Melzer sein Vorhaben in einer umfassenden Pressekonferenz mit internationalen Fachleuten im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Rund 100 Personen, meist Journalisten, waren gekommen, um den Vorträgen zum Thema der Report selber lag leider noch vor, an seiner Herstellung arbeiten derzeit noch 26 Übersetzer. Immerhin liegt die Kurzfassung, auch rund 45 Seiten, bereits vor. Sie gibt eiligen Lesern einen guten Überblick.

Am Samstag waren prominente Fachleute zu Gast. Stephane Hessel, früher französischer Vertreter bei den Vereinten Nationen und Mitglied der französischen Sektion der Nationalen Menschenrechtskommission, Jeff Halper, ein amerikanisch-israelischer Friedensaktivist, Prof. Dr. Rolf Verleger, Prof. für Neuropyshologie in Lübeck und früher auch Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, wo er aber mittlerweile aber persona non grata geworden ist, Jürgen Jung sowie mit Max Wieselmann ein Vertreter aus den Niederlanden, Mitglied der Gruppe European Jews for justive and peace. Ein Augenzeuge der Ereignisse der Unernehmens „Gegossenes Blei“, also des Angriffs der israelischen Armee auf den Gaza-Streifen zum Jahreswechsel 2008/2009 hatte abgesagt, da er mit Schwierigkeiten bei der Wiedereinreise nach Gaza rechnete.



Abraham Melzer, der Herausgeber, räumte in seinem Einleitungsstatement ein, daß die meisten organisierten Juden in Deutschland nicht die Ansichten seiner Freunde vertreten würden, sondern  ebenso wie die sehr erzürnte israelische Regierung den Report des südafrikanischen Richters Goldstone mehr als kritisch bewerten würden. Der israelische Vize-Außenminister hatte den Goldstone-Report als Kriegserklärung gegen Israel bezeichnet, eine führende israelische Zeitung (Ma ' ariv) bezeichnete Goldstone als „Verbrecher“. Allzu leicht wird heute Kritik an Israel, die über belanglose Detail-Kritik hinausgeht, unter die Rubrik „Antisemitismus“ eingeordnet und damit als illegitim stigmatisiert. Melzer wies demgegenüber darauf hin, daß weder Kritik an Israel noch Kritik am Zionismus Antisemitismus sei.

Nachdem Jürgen Jung in einem fiktiven Interview mit einer Journalistin (die Aussagen waren aber wörtliche Zitate aus tatsächlichen Interviews Richard Goldstones) die Rolle Goldstones übernommen hatte und dabei Motivation und Ergebnisse des Berichts der Untersuchung über mögliche Menschenrechtsverletzungen beider Seiten (also auch der Hamas, die den bewaffneten Widerstand gegen den israelischen Angriff gebildet hatte) vorgestellt hatte, war zumindest der Inhalt der Thesen Goldstone bekannt. Das Ergebnis: beide Seiten hätten Verletzungen der Menschenrechte begangen, doch sei das Verhalten Israels in keinem Fall zu rechtfertigen, schließlich habe Israel eine der fähigsten Armeen der Welt. Insgesamt sei der Angriff als kollektive Bestrafung für ihre Wahl der Hamas zu werten und habe eindeutig das Ziel gehabt, das ganze Volk in Haftung zu nehmen. Die These der israelischen Regierung, der Goldstone-Bericht sei ein Hindernis für den Frieden, sei falsch. Wichtig sei die Wahrheit. Opfer brauchten, schon aus Gründen der Selbstachtung, die Wahrheit.



Stephane Hessel, selbst früher in mehreren Konzentrationslagern, konnte aus eigener Anschauung die Thesen des Report bestätigen. Er verwies aber auch darauf, daß in politischer und militärischer Hinsicht sowohl der Angriff auf Gaza als auch der Schlag gegen den Libanon 2006 eine Pleite gewesen sei. Das Ergebnis sei, daß die Hamas noch da sei und die Menschen jetzt gegenüber Israel kaum noch Versöhnungsbereitschaft zeigten. Fraglich allerdings, ob die israelische Regierung, die ihre internationale Isolation gewohnt ist, daran irgendein Interesse hat. Jeff Halper ergänzte diese Ausführung, nannte die Aktion „Gegossenes Blei“ ab bewußt nicht „Krieg“ , sondern einen Anschlag („assault“). Er bezeichnete - vielleicht der erschreckendste Aspekt - den Angriff auf Gaza als „training experience“, was man wohl als Übungsfeld verstehen kann. Tatsächlich arbeite Israel, ein Staat, den Shulamit Aloni in der neuesten Ausgabe des „Semit“ (erscheint 1. Februar, dazu an anderer Stelle mehr) nicht mehr als Demokratie verstehen will, an einer gründlichen Veränderung des Völkerrechts. Falsch sei auch der Anspruch Israels, der „Staat aller Juden“ zu sein. Juden müßten sich dagegen wehren und sagen: nein dazu hat Israel kein Recht. Das Wesen der Judenheit („jeweshness“) und die wichtigste Lehre aus dem Holocaust sei es, überall die Menschenrechte zu respektieren. Dazu müsse man Israel auch kritisieren („You have to critisize Israel“).

Max Wieselmann verwies daruf, daß Israel de facto schon wie ein EU-Mitglied behandelt werde. Dies geschehe über hunderte von Kooperationsverträgen. Erstaunlich sei immer, mit welcher Verve etwa die Türkei kritisiert werde, während die weitaus schlimmeren Verstöße Israels kaum ein Echo von offizieller Seite fänden. Dr. Rolf Verleger wies aber auch daraufhin, daß das deutsche Judentum de facto ausgelöscht sei. Die Reste fänden sich durch den Zentralrat und Frau Knobloch durchaus gut vertreten. Man müsse aber den Mut haben, einen eigenen Standpunkt zu vertreten. Auf eine Bemerkung aus dem Publikum, es sei doch merkwürdig, daß sich die Haltung in Deutschland zwischen Mehrheitsdeutschen und Juden gegenüber der Kaiserzeit ins Gegenteil verkehrt habe noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei Theodor Hertz gezwungen gewesen, mit seinem Zionistenkongress , der in München geplant war, nach Basel auszuweichen, weil die jüdische Gemeinde interveniert habe, erklärte Verleger, es sei klar, daß sich die Haltung zum Zionismus gewandelt habe, schließlich habe es eben den Holocaust gegeben. Es ergab sich noch eine spannende Diskussion mit Publikumsbeteiligung, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden soll.

Die Kurzfassung des Goldstone-Reports (Melzer Verlag, Semit edition, Neu Isenburg, 2009) liegt bereits vor. Der vollständige Bericht soll an gleicher Stelle Mitte März erscheinen. Eine Rezension erfolgt dann.

Veröffentlicht: 18. Januar 2010





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