Gaza-Veranstaltung in der Laden-Galerie der Zeitung „Junge Welt“
Von Charly Kneffel
Eigentlich sollte es ja bewußt nur um Gaza gehen, um die Lage der Menschen dort. Doch die Veranstaltung, die am 26.2. in der Ladengalerie der Zeitung „Junge Welt“ stattfand, hatte natürlich ihre Vorgeschichte, die schon an sich ein eigenes Thema wäre. Der ursprünglich vorgesehene Referent, der der Israel-Lobby besonders verhaßte US-amerikanische Professor Norman Finkelstein, hatte Schwierigkeiten, in Deutschland Räume zu finden bzw. die Veranstalter gerieten so unter Druck, daß sie schließlich einknickten. Eine Schande für die Demokratie in Deutschland.
Finkelstein resignierte schließlich, weil er weder sich selbst zum Thema machen wollte noch die Befindlichkeit der deutschen Linken. Die ist allerdings schlecht. Einige der Antideutschen und ihre ähnlich intelligenten Bündnispartner mögen sich nun freuen, daß sie für das Erste Finkelsteins Auftritt verhindert haben. Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Das Thema jedenfalls fand am Freitagabend im völlig überfüllten „großen Saal“ der JW statt und „Junge Welt“ hatte mit dem in Duisburg gemobbten Kommunalpolitiker Hermann Dierkes, dem Palästinenser Nidal Bilbul und dem Israeli Yahav Zohar sachkundige Referenten eingeladen. „Wir alssen uns nicht einschüchtern“ fand Michael Mäde gleich die richtigen Worte zur Einführung. bei diesem Publikum hatte er damit leichtes Spiel.
Zu Beginn gab es sozusagen zur Einstimmung zwei kurze Filmausschnitte, einen von einem Auftritt Norman Finkelsteins in Prag, der auch dort einiges erleben mußte , oft von den gleichen Leuten, die keine Probleme hatten, den Kriegsverbrecher Ehud Barak in Ehren zu empfangen , andererseits aber Finkelstein, der große Teile seiner Familie in der Shoa verloren hatte, fragten, wie man sich fühle, wenn man von Neonazis unterstützt werde. Finkelstein fand nur die Worte „It's strange“ (aber für deren Verhalten), einen anderen über die Arbeit von Journalisten im Gaza-Streifen, wo sie trotz deutlicher Kennzeichnung von der israelischen Armee – keineswegs irrtümlich – beschossen wurden. Daran konnte Nidal Bulbul anknüpfen, der selbst als Journalist in Gaza arbeitete, jetzt aber in Deutschland lebt. Er arbeite seit 2006 als Journalist, mußte dabei aber feststellen, daß seine Berichte kaum aus Gaza heraus kamen, im Ausland einfach nicht beachtet wurden.
Nidal machte auch darauf aufmerksam, daß man natürlich anders schreibt, wenn man über Jahre praktisch in einem kleinen Gebiet isoliert ist. Die Kommunikation verändere sich. Man könne sachliche und emotionale Angelegenheiten nicht mehr trennen, weil man andauernd involviert sei. Ihm sei es aber – trotz Schikanen des israelischen Militärs, schließlich doch gelungen, aus Gaza heraus und auch zeitweilig nach Jerusalem zu kommen , wo er andere Israelis (wie Yahav Zohar) kennen gelernt habe. Doch er mochte sich gar nicht vorstellen, wie seine in Gaza lebende Familie reagieren würde, wenn er sagte, es gebe in Israel Leute mit denen man Frieden schließen könne. Man würde ihn schlicht für verrückt erklären.
Mit schneidendem Sarkasmus referierte dann Yahav Zohar über die Eindrücke, die er bei seiner Ankunft in Deutschland sammeln konnte. Er sei nach Deutschland gekommen, weil dieses Land in den heimischen Konflikt verwickelt sei: Deutschland liefere Waffen, Deutschland ignoriere internationales Recht, Deutschland verdiene am Handel und ignoriere Völlig, daß die Waffen gegen Zivilisten eingesetzt würden, daß man sich in einen internen Konflikt einmische, daß man gegen das Völkerrecht verstoße. Um das zu wissen, brauchten die deutschen Politiker doch nur das internationale Fernsehen anzuschauen.
Nun gebe es eine weltweite Protestbewegung, nur in Deutschland sei diese klein, sporadisch und unterdrückt. Dabei müsse man gegen Israel genauso vorgehen wie seinerzeit gegen Südafrika. Das habe auch Wirkung gezeigt. Schwach sei die Bewegung aber auch in Israel selbst. Das wiederum liege daran, daß die meisten Menschen in Israel genauso wenig vom Kriege wüßten wie die Europäer. Sie sähen ihn nur im TV. Die Okkupation der Westbank und die Blockade Gazas würde erst infrage gestellt, wenn die Menschen in Israel erführen, daß sie kein Interesse an der Okkupation haben könnten.
Yahav wies darauf hin, daß es eigentlich nur zwei Lösungen geben könne: eine schlechte, nämlich eine dritte Intifada, die schlimme Auswirkungen haben könnte und den Aufbau eines diplomatischen und ökonomischen Drucks. Schon bei einem ersten Druck seitens des älteren Bush habe selbst ein Falke wie Itzak Schamir 1991 reagieren müssen – wenn auch nicht nachhaltig. Yahav machte aber auch klar, daß sich Europa nur bewegen werde, wenn sich Deutschland bewegte. Doch in Deutschland verstecke man sich hinter der Geschichte und nehem diese als Vorwand für die Unterstützung Israels. Zwar sagten viele Politiker, daß sie um die Lage wüßten, aber dies öffentlich zu äußern wäre politischer Selbstmord.
Man habe offensichtlich Angst, vom Zentralrat oder von Frau Knobloch (oder von Henryk M. Broder möchte man hinzufügen) als „Antisemit“ bezeichnet zu werden. Er könne aber eigentlich nicht glauben, daß sich 80 Millionen Menschen auf Dauer vom Zentralrat den Mund verbieten ließen. Hätten alle, die anders dächten, den Jmut zum Widerspruch, wäre es mit der Macht der kleinen Lobby bald vorbei. Doch die Lage bei der Linken und erst recht den Grünen sei „frustrierend“, die Rosa-Luxemburg-Stiftung (rls) und die Heinrich-Böll-Stiftung hätten sich an der Unterdrückung beteiligt.
Der Duisburger Kommunalpolitiker Hermann Dierkes wies darauf hin, daß Israel und der Zionismus von Anfang an auf einem Mythos beruht hätten. Weder seien die Juden ein Volk ohne Land noch Palästina ein Land ohne Volk gewesen. Doch in Deutschland sei die Haltung zu Israel keine Aufarbeitung des Menscheitsverbrechens der Nazis. Menschen müßten als Menschen anerkannt werden – das sei die richtige Lehre daraus. So wie man es hier mache, sei es keine Aufarbeitung, sondern Komplizentum.Beim Angriff auf Gaza habe Angela Merkel Herrn Olmert sofort die deutsche Solidarität versichert. Das verstoße sowohl gegen das Grundgesetz wie gegen internationales Recht. Dazu müsse die Linke Stellung nehmen. Allerdings könne man die Haltung nicht in den Gremien ändern, sondern müsse eine gesellschaftliche Bewegung entwickeln. Der „Judenstaat“ so wie er in Israel verstanden würde, sei eine „rassistische Vision“, die zum Unglück für alle Beteiligten werden könne.
In der – leider mal wieder etwas langatmigen – Diskussion wies der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke (Die Linke) darauf hin, daß die rls kein Recht gehabt habe, die Räume für „den Genossen Finkelstein“ zu kündigen. Das habe nichts mit einem Bildungsauftrag zu tun. Heute sei er zwar stolz gewesen auf seine Partei (die für Aktion gegen den Afghanistan-Krieg von Bundestagspräsident Lammert des Saales verwiesen wurde) doch müsse man eine solche Haltung auch durchhalten. Er selbst jedenfalls lasse sich weder vom „Tagesspiegel“, gegen den er Klage eingereicht habe noch vom „Bundesarbeitskreis Shalom“ etwas gefallen. Im Übrigen werde ersich dafür einsetzen, daß der Goldstone-Bericht – immerhin ein offizielles UNO-Dokument – im Bundestag diskutiert werde.
Diese Veranstaltung war gelungen und ermutigend, doch gehört zur Wahrheit dazu, daß die Antideutschen, „honestly concerned“, „Lizas Welt“ und andere Lobby-Gruppen nicht so ganz unrecht haben, wen sie die Absage Finkelsteins vorerst als Erfolg werten. Man hat die Linke durch Aggressivität, Verleumdung und Diffamierung für den Augenblick ins Loch getrieben. Drehen kann man das erst, wenn man ihnen ihre Grenzen aufzeigt. Dazu gehört, daß auch Norman Finkelstein in Deutschland frei sprechen kann. Das sollte jetzt schnell in Angriff genommen werden.
Veröffentlicht: 27. Februar 2010
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Fast täglich ist der Staat Israel im Fokus der Medien. Brisante aktuelle Ereignisse, umstrittene Politiker, Bilder von blutigen Attentaten, Übergriffen, Grenzstreitigkeiten, Unruhen. Das Land an sich und seine Menschen spielen kaum eine Rolle. Unsere Mitarbeiterin Ingrid Müller-Mertens hat die Mittelmeerküstenregion zwischen Tel Aviv und Haifa besucht und ihre Eindrücke in mehreren Folgen aufgeschrieben. Ihre sehr persönlichen Impressionen klammern bewusst politische Probleme aus. - 1. Ankunft - 2. Tel Aviv - Jaffa - 3. Haifa - 4. Akko und Jerusalem