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Panorama
Ein Mythos steigt herab

Leonard Cohen umjubelt in der Berliner 02-Arena


Von Ingrid Müller-Mertens

Wenn ein Mythos herabsteigt aus dem Popolymp dann geschieht das mit Getöse, Fanhysterie und aufwändigem Bühnenbrimborium. Daß es auch anders geht, bewies Leonard Cohen am Wochenende in Berlin vor 17 000 Besuchern in der ausverkauften 02-Arena. Die Bühne reduziert auf das Wesentliche, Instrumente, Mikrofone. Einziger Schmuck, ausgelegte abgetretene Perserteppiche, die allerdings kaum als Dekor gedacht sind, sondern offenbar einen tieferen Sinn haben für den großen kanadischen Poeten und Sänger.



Und der erscheint dann auch pünktlich und bescheiden im dunklen Zweireiher, grauen Hemd und einem weichen Filzhut, mit schmalem, hinten hochgebogenen Rand. Kein breitkrempiger, diabolischer, gesichtsverdeckender Schlapphut mehr. Fast verlegen und ein wenig linkisch hüpft er ans Mikrofon und die monströse Halle schrumpft sofort zusammen und fokussiert sich auf diesen einen Punkt, der nicht nur aus der fernen Perspektive der Riesenhalle klein und zerbrechlich wirkt, sondern auch in der Vergrößerung auf den beiden Großleinwänden. Das Hütchen demütig ans Herz gedrückt verharrt er lächelnd, das Gesicht hager, fast asketisch, kurzgeschorenes Grauhaar, grauer Dreitagebart, bezwingend die tiefgründigen dunklen Augen. Er genießt sichtlich und mit stiller Freude den orkanartigen, respektvollen Jubel. Fast wirkt er ein bißchen verwundert,  nach vielen Jahren des Rückzuges nun tatsächlich hier zu stehen. Ein Glücksumstand, den das Publikum dem persönlichen Pech des Sängers verdankt. Da seine Managerin die für seine Altersversorgung zurückgelegten 4 Millionen veruntreute, machte sich der sichtlich gealterte Barde aus materiellen Gründen noch einmal zu einer strapaziösen Welttournee auf. Fast möchte man ihr dankbar sein.

Mit den ersten Tönen registriert man verwundert, daß die Stimme des 74jährigen noch tiefer, noch rauchiger, noch eindringlicher, noch differenzierter geworden ist. Schon mit seinem ersten Song "Dance me to the End of Love", einer Bitte, die er teilweise kniend vorträgt, setzt er das Zeichen für seine altersweise und zenphilosophisch gereifte Lebenshaltung. Begleitet von einer 6köpfigen excellenten Band und drei hinreißenden Backgroundsängerinnen zelebriert Cohen nun drei Stunden lang die immer wieder jubelnd aufgenommenen markanten Lieder seines über 40 Jahre herangereiften Repertoires, mit dem offenbar ein großer Teil der 17.000 in der nüchternen Hightechhalle erwachsen worden sind. Mit ihnen, wie Cohen, auch abgeklärter, melancholischer wurden und sich doch die Sehnsucht und einen Rest Rebellion bewahrt haben, wie sie voller Hingabe aufkommt in "Democracy" oder "The Future". Der jüdische, russischstämmige Kanadier zieht seine Zuhörer immer tiefer in den Bann seiner lyrischen, düsteren Balladen in zumeist wohlig einhüllenden Molltönen und eingängiger Schlichtheit. Immer wieder begeister das perfekte Zusammenspiel mit Band und Chor, deren gelegentlichen Bravoursoli Cohen ganz bescheiden im Hintergrund mit respektvoller Anerkennung barhäuptig lauscht.

"Suzanne", "So long Marianne", "First We Take Manhattan", natürlich sein "Halleluja", "To Be Free", "Tower of Love" oder "I Tried To Leave" you, drei kurze Stunden hauchte Cohen heiter-gelöst und doch höchst konzentriert und voller Innigkeit seine Hits ins Mikrophon. In dieser andächtigen Atmösphäre wirkt Applaus fast störend. Und bei "Bird  On A Wire" hätte man in dem riesigen Raum tatsächlich eine Stecknadel fallen hören.

Zunehmend wird das Konzert zu einer Art Messe, die Cohen, der nach langen rebellischen, exzessiven Jahren, Affären und Alkoholproblemen sein Heil im Buddhismus fand, mit seiner Fangemeinde gütig und weise zelebriert. Im Gegensatz zu seiner früheren eindringlichen depressiven Wehmut wirkt er nun eher erleuchtet von einer Art universeller stiller Lebensfreude ohne seine Magie verloren zu haben. Vielleicht die größte Überraschung des Abends.

Und so haben seine alten und neueren Songs auf subtile Weise ihre Düsternis und Bitterkeit verloren, vermögen die Herzen aufzuschließen für Zuversicht und Hoffnung Und  das ihm total ergebene Publikum geht hingerissen mit ihm den neuen, positiven Weg, fühlt sich berauscht und läßt sich von diesen beschwörenden, monotonen aber atmosphärisch doch deutlich  entschärften Weltschmerzgesängen von Glücksmoment zu Glücksmoment tragen. Ja, undenkbar eigentlich bei Cohen, es wird sogar geschunkelt und vereinzelt getanzt zu programmatisch dargebotenen, heiteren Walzerklängen.

Ohne sichtbare Ermüdungserscheinung verabschiedet Cohen sich nach "Closing Time" mit einem respektvollen ". . . yours sincerly, L.Cohen" und umarmt das tief berührte Publikum noch einmal mit einem aufrichtigen und fast zärtlichen "God bless you".

God bless you, L.Cohen!

Veröffentlicht: 6. Oktober 2008



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