Mutig, aber fast allein

Der neue SEMIT ist da

Von Charly Kneffel

Man kann ihm für seinen zweiten Versuch, die Unabhängige Jüdische Zeitschrift SEMIT in Deutschland zu etablieren, nur viel Glück, Durchhaltevermögen und möglichst viel Hilfe seiner Freunde wünschen. Tatsächlich ist Abraham Melzers nonkonformistisches Blatt eine dringend notwendige Stimme im deutschen Judentum, das sonst in der Öffentlichkeit nur durch den Zentralrat der Juden in Deutschland repräsentiert wird.

Der durchlebt gerade eine neue Krise, deren weiterer Verlauf zum Zeitpunkt der Drucklegung der neuen Semit-Ausgabe noch gar nicht absehbar war. Wie es aussieht, wird die Vorsitzende Charlotte Knobloch zurücktreten oder zumindest nicht mehr neu kandidieren. Das hätte Melzer wohl auch gerne zum Thema gemacht, es kam aber zu spät, wie schon die etwas seltsame Pseudokandidatur des umtriebigen Henryk M. Broder, der in der letzten Ausgabe das Titelbild zierte, damals zu früh kam. Broder hatte sich bei Erscheinen der Ausgabe schon zurückgezogen. Schwierigkeiten eines Zwei-Monats-Blatts.

Viel Wert auf eine gute Presse bei der Israel-Lobby scheint Melzer nicht zu legen. Selbst der Vorwurf des Antisemitismus bzw. jüdischen Selbsthaß wir immer wieder erhoben. Man kann es fast verstehen, denn die Zeitschrift tritt der offiziellen Propaganda schroff entgegen. Titelbild und Aufmacher der Februar-Ausgabe ist das Russel-Tribunal zu Palästina ( 16. Dezember 2009, Brüssel), über das Stephen Lendman berichtet. Es bezieht klare Stellung zugunsten der Palästinenser, die sich im Namen ihres Selbstbestimmungsrechts und des Völkerrechts gegen die israelische Besatzung wehren. Dreizehn Punkte werden Israel vorgeworfen: darunter die erzwungene Diaspora, die internen Zwangsumsiedlungen, die Belagerung Gazas, Massenverhaftungen, die Nichtachtung zahlreicher UN-Resolutionen sowie des Völkerrechts überhaupt, gezielte Tötungen und anderes mehr.

Ganz in die Nesseln setzt sich Melzer auch mit einem bereits 1992 veröffentlichten Artikel zu John Demjanjuk, dem damals vorgeworfen wurde, Iwan der Schreckliche, ein besonders brutaler Judenverfolger, zu sein, was sich als Fälschung herausstellte, deren Aufdeckung auch zu seinem Freispruch (in Israel !) führte. Jetzt läuft ein weiterer Prozeß, bei dem es weniger um individuelle Schuld geht als um Geschichtspolitik. Dies in einer extrem emotional aufgeladenen Athmosphäre, die eine sachliche Diskussion kaum zuläßt. Die Medien werden auch wieder dafür sorgen, daß das so bleibt.

Dr. Izzeddin Musa veröffentlicht einen Offenen Brief an Angela Merkel, kritisiert die Unterwürfigkeit der Kanzlerin gegenüber den Vereinigten Staaten und insbesondere Israel, ihrer Auffassung nach eine Sache der Staatsräson. Er warnt ausdrücklich vor einem Angriff auf den Iran. Weitere Artikel befassen sich mit dem Streit um den Film Warum Israel?, der in Hamburg zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Antideutschen und der antiimperialistischen Linken führte. Die Stellungsnahme der Gruppe Kommunistische Assoziation Hamburg (KAH) ist dazu abgedruckt. Dazu kommt ein Gespräch mit Shulamit Aloni, die früher Erziehungsministerin in Israel war, jetzt aber mit spürbarer Verbitterung konstatieren muß, daß Israel keine Demokratie mehr sei. Hinzu kommt ein ausführliches Interview mit Ilan Pappe, der wegen seiner Ansichten praktisch zur Auswanderung aus Israel gezwungen wurde und dessen Vortrag in München auf wütenden Widerstand der dortigen jüdischen Gemeine stieß. Pappe ist, seit er das Buch Die ethnische Säuberung Palästinas geschrieben hat, in diesen Kreisen persona non grata.

Alles in allem wieder eine sehr lesenswerte Ausgabe, wenn auch das Titelbild der vorigen Nummer mit Broder als Knallkopf witziger war. Manchmal wünscht man sich, daß Melzer und seine Freunde etwas diplomatischer wären. Doch sie haben sich für die Rolle der unbestechlichen Kritiker entschieden, also für die der Aufklärer. Für eine Minderheit, die hoffentlich größer wird, macht gerade das den SEMIT so lesenswert.

SEMIT, jeder zweiter Monat im Melzer-Verlag, an allen Bahnhofskiosken und beim Verlag, 5 Euro


Veröffentlicht: 8. Februar 2010





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Von Ingrid Müller-Mertens


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Reise nach Jerusalem

Fast täglich ist der Staat Israel im Fokus der Medien. Brisante aktuelle Ereignisse, umstrittene Politiker, Bilder von blutigen Attentaten, Übergriffen, Grenzstreitigkeiten, Unruhen. Das Land an sich und seine Menschen spielen kaum eine Rolle. Unsere Mitarbeiterin Ingrid Müller-Mertens hat die Mittelmeerküstenregion zwischen Tel Aviv und Haifa besucht und ihre Eindrücke in mehreren Folgen aufgeschrieben. Ihre sehr persönlichen Impressionen klammern bewusst politische Probleme aus.
- 1. Ankunft
- 2. Tel Aviv - Jaffa
- 3. Haifa
- 4. Akko und Jerusalem




 






























































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