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Kommentar: Hoppes Provokation positiv wenden

Das Gesundheitssystem muß tatsächlich von Grund auf reformiert werden


Von Manuela Fresnick

Doch - man muß den Herren Jörg-Dietrich Hoppe und Frank-Ulrich Montgomery wirklich dankbar sein. Erstens weil ihre Rede gerade durch ihre bewußt provokative Unverschämtheit, mit der sie die Interessen von Millionen Patienten den eigenen Einkommensinteressen opfern und dies für die selbstverständlichste Sache der Welt halten, zweitens weil sie - was solche oft tun - in erfreulicher Weise Klartext reden.

Es kann nicht mehr ernsthaft bestritten werden, daß wir eine Zwei-Klassen-Medizin haben (seit Jahren), das Gesundheitssystem sei „unterfinanziert“ und eine umfassende Gesundheitsversorgung sei keineswegs mehr sicher. Das sind zwar alles Euphemismen, aber gemessen an den üblichen Beschönigungsfloskeln erfrischend.

Dagegen ist manches von dem, was gegen Hoppe und seinesgleichen vorgebracht wird, wie üblich Beschwichtigungsrhetorik. Vor allem die Bundesministerin legt wieder die moralinsaure Platte auf und tut, als sei alles mehr oder weniger in Ordnung. Das ist insofern verständlich, als in der Tat deutlich wird, daß die Gesundheitspolitik seit Jahren - nicht erst seit Beginn der Amtszeit Ulla Schmidts - am Ende ist.

Was sollte nicht alles passieren. Die Beiträge sollten stabil gehalten werden oder sogar sinken, die Leistungen nicht eingeschränkt und natürlich sollte jeder im Prinzip nach den Erfordernissen behandelt werden.

Nichts davon stimmt auch nur annähernd mit der Realität überein. Jeder Mensch weiß, daß Privatpatienten schneller Termine bekommen, bessere Behandlungsmethoden bekommen und auch andere Medikamente. Manches davon ist systemimmanent, manches auf Sabotage leider nicht nur einzelner Ärzte zurückzuführen. Intelligentere - oder einfach nur ehrlichere - Experten wie der Sozialdemokrat Karl Lauterbach geben das auch unumwunden zu. Andere, wie Wulf Dietrich vom Verein demokratische Ärztinnen und Ärzte, sehen darin eine „Amerikanisierung des Gesundheitssystems“.

Was soll der Unfug mit dem „unterfinanzierten Gesundheitssystem“. Jeder kann mühelos nachprüfen, daß das deutsche Gesundheitssystem zu den teuersten der Welt gehört. Sicher stimmt es, daß die medizinischen Möglichkeiten immer besser werden und die Alterspyramide der Bevölkerung nicht nur im Bezug auf die Krankheitsanfälligkeit immer ungünstiger wird. Sicher stimmt es auch, daß das Gesundheitsverhalten der Menschen nicht optimal ist. Sie gehen zu oft zum Arzt, wechseln von Hinz zu Kunz und lassen alle möglichen Untersuchungen immer wieder aufs Neue durchführen.

Sicher stimmt es auch, daß die Arbeitsbedingungen (Stichwort: Bereitschaftsdienst) unerträglich sind und gerade dort auch die Honorierung zu wünschen übrig läßt. Sicher ist auch, daß die Bürokratie- und Regelungswut den Ärzten immer mehr Aufgaben - vor allem auch verwaltungstechnischer Ebene - zumutet, die eigentlich nicht zu ihren Aufgaben gehören. Sicher ist auch noch anderswo so mancher Spielraum für Kostensenkungen, z.B. bei den Krankenkassen. Aber das ist nicht der Kern der Sache. Im Kern geht es darum, daß zu viele an den beträchtlich Aufwendungen der Öffentlichkeit verdienen wollen. Menschlich verständlich und so gesehen auch legitim, aber tatsächlich unbezahlbar. Grundsätzlich falsch ist der Vorstoß des Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt, dem - wie immer - nur mehr Wettbewerb einfällt.

Zwei Dinge gilt es festzuhalten:

Erstens: die Diskussion läuft in die völlig falsche Richtung, zweitens: gut ist, daß sie angestoßen wurde und die armselige Gesundsheitslyrik, wie sie vor allem aus dem Ministerium verbreitet wird, nun als völliger Unfug angesehen werden kann. Was jetzt geschehen muß, wäre eine echte Gesundheitsreform, die feststellt, daß das erste und wichtigste Kriterium eines Gesundheitssystems nur sein kann, den Patienten die medizinisch nötige und mögliche Hilfe zukommen zu lassen (wie wohltuend wirkt das alte Wort des Norbert Blüm: „Wer krank ist, muß geheilt werden“.)

Zweitens darf dies nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Zumindest muß ein sehr hoher Standard festgeschrieben werden. Wer unbedingt ein Einzelzimmer möchte oder andere Extras, auf die man ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen, kann das ja zusätzlich absichern. Außerdem müßte de Anzahl der Krankenkassen massiv gesenkt und das gesamte Gesundheitssystem in Kontrolle der Öffentlichen Hand zurückgeholt werden. Ebenso wie die gesamte Pharmaindustrie. Zusätzlich müßte man mit den oft angesprochenen „Medizinischen Versorgungszentren“ endlich voran kommen. Hier könnte problemlos eine einheitliche Diagnostik praktiziert werden, auf die eventuell behandelnde Ärzte Zugriff hätten, wenn die Behandlung nicht ohnehin dort durchgeführt werden sollte.

Ginge man das an, müßte man allerdings den Mut haben, sich mit den diversen Lobbies anzulegen. Angesichts des bestehenden politischen Willens unrealistisch. Aber genau da müßte man ansetzen.

Veröffentlicht: 20. Mai 2009



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