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Der Tag der Einheit – Kein Tag zum Feiern?

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Die Menschen in Marzahn-Hellersdorf sind geschockt. Bis zur Bundestagswahl war ihr Bezirk gerade einmal geografisch am „rechten Rand“ – nun ist der Bezirk auch politisch rechts! Die „Alternative für Deutschland“ (kurz: AfD) ist hier die stimmenstärksten Partei.

Warum haben mehr als 30 Prozent die AfD gewählt?

Ein Teil des Wahlbezirkes 313 ist die Hellersdorfer Promenade. Für die Bundestagswahl waren 1500 Menschen wahlberechtigt. Rund 30 Prozent haben ihre Stimme abgegeben. 34,2 Prozent wählten die AfD; Petra Pau, die Linken-Spitzenkandidatin, kam gerade einmal auf 21,3 Prozent. Die SPD erreichte 14,2 Prozent, die Union kam auf 12,1 Prozent und die Grünen wurden von 4,2 Prozent der Wahlberechtigten gewählt. 3,3 Prozent wählten die FDP. Natürlich sind die Menschen überrascht und suchen auch nach Erklärungen. Auch Gerhard und Annelie Wechsel, ein Rentner-Ehepaar, kann nicht verstehen, warum die AfD derart viele Menschen angesprochen hat. „Wir haben nicht die Linken gewählt“, so das Ehepaar, „wir verstehen aber nicht, warum die extremen Rechten so viele Anhänger haben.“ Das Ehepaar unterstützte Martin Schulz, den Vorsitzenden der SPD. „Wir haben hier sehr gute Einkaufsmöglichkeiten, eine gute ärztliche Betreuung und wir haben leistbare Mieten. Natürlich sind viele Menschen von Hartz IV abhängig, aber das kann doch nicht der Grund sein, warum Rechte gewählt werden?“, so eine enttäuschte Annelie Wechsel. „Ich will nicht, dass die Rechten unseren Bezirk zerstören.“

Die Gründe der AfD-Wähler

Im Kiez gibt es AfD-Wähler, die – so sagen sie – „einen guten Grund“ haben. Einer von ihnen ist René Schott. Er ist 38 Jahre alt, tätowiert, arbeitet als Wachschützer und gibt zu, der AfD die Stimme gegeben zu haben. „Viele Leute, so auch ich, haben die Nase voll“, so Schott. „Die Menschen werden niemals die Politiker vergessen, die das eigene Land und auch das eigene Volk verraten haben. Mein Kind muss mit zwölf Ausländerkindern in derselben Klasse sein. Unsere Söhne und unsere Töchter erleben gar keine Bildung mehr, wenn sich die Lehrer ständig um die Flüchtlinge in der Klasse kümmern müssen.“ Schott ist nicht überrascht, dass die AfD mehr als 30 Prozent erreicht hat. „Die Politiker müssen endlich einmal reagieren.“ Zur Wählerschaft der AfD könnten mitunter auch die sogenannten Russland-Deutschen gehören. Man trifft sie an der Hellersdorfer Promenade, erfährt aber nicht, ob sie die AfD oder eine andere Partei gewählt haben. Die AfD hat sich besonders um die Russland-Deutschen bemüht. Schlussendlich haben viele der Spätaussiedler konservative Ansichten; die CDU sei, so Gemma Pörzgen, eine Osteuropa-Journalisten, schon längst nicht mehr die erste Wahl.

Sorgenkind Ostdeutschland?

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Ist der „Tag der Einheit“ also überhaupt ein „Tag der Freude“? Schon im letzten Jahr war die Feierlaune getrübt, als die Spitze der Politik in Dresden eintraf. Schlussendlich stand der damalige 3. Oktober im Zeichen der „Pegida“-Bewegung, die gegen die Veranstaltung protestierte. Es waren Proteste von enttäuschten und unzufriedenen Deutschen, die am 24. September wohl alle die AfD gewählt haben. In Ostdeutschland ist die AfD zur zweitstärksten Partei geworden; in Sachsen erhielt die AfD sogar die meisten Stimmen und konnte die CDU überholen. Rechnet man die Linken hinzu, so haben in den „neuen Ländern“ rund 40 Prozent entweder ganz rechts oder ganz links gewählt – in den „alten Ländern“ waren es nur 18,5 Prozent. Ein Wahlergebnis, das sehr wohl der Beleg ist, dass sich ein „neuer Riss“ durch das Land zieht. Die Ost-Deutschen haben Angst vor der Überfremdung, der Globalisierung und sind enttäuscht über noch nicht eingelöste Versprechen und haben Angst vor der Altersarmut. Natürlich gibt es diese Ängste und Probleme auch im Westen des Landes, jedoch sind sie hier (noch nicht) so stark ausgeprägt. Nun ist natürlich die neue Bundesregierung gefragt – sie muss den Riss verkleinern, der gerade durch ganz Deutschland geht. Jedoch kann man davon ausgehen, dass die mögliche Jamaika-Koalition eher westdeutsch geprägt sein wird. Die Grünen und die FDP spielen im Osten kaum noch eine Rolle; die CSU wird hier ebenfalls nicht mehr wahrgenommen.

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