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Gentrifizierung und Milieuschutz – eine Stadt zwischen Fortschritt und Verdrängung

Ich sitze in einer Wohnung in Berlin-Alt-Treptow, nicht weit von der Hermannstraße, dem „Görli“ und Co. entfernt, an meinem Laptop und schreibe diesen Blogpost. Nebenan höre ich schreiende Kinder, ich komme mir vor wie im Prenzlauer Berg. Nur dass ich nicht im Prenzlauer Berg bin und einen laktosefreien Latte macchiato in einem Café trinke, sondern mich am Rande eines Bezirks befinde, der ursprünglich der Arbeiterklasse der Stadt angehörte.

gentrifizierung und milieuschutz in berlin

Wenn ich aus dem Fenster schaue, überrollt mich ein wenig Verachtung beim Betrachten der Gartenidylle, die direkt neben meinem Innenhof stattfindet: Die Häuserfassaden sind neu saniert, in knalligen roten Farben gestrichen, sie passen nicht so recht in das übliche Bild rein, was die Straße bietet. Natürlich sind überall Balkone angebracht, der „Garten“ – also die Grünfläche – ist bepflanzt, wahrscheinlich sogar mit eigenen Kräutern, ein großer Grill wie man ihn aus amerikanischen Serien kennt, steht im Hof und für die Kinder wurde extra eine Hüpfburg gekauft, die jeden Tag aufs Neue in Betrieb genommen wird und den Nachbarn mit ihrem Blaswerk und dem entstehenden Kindergeschrei das Gefühl gibt, irgendwo am Stadtrand in der Nähe eines Kindergartens gelandet zu sein, aber nicht an der Grenze zu Neukölln.

Letztens gab es eine Gartenparty. Mit Buffet, Hüpfburg natürlich und gefühlt all den anderen Sachen, die man nicht als spießig betrachten würde, wenn man außerhalb wohnen würde. Aber mitten in Berlin – ja hier ist das eher ein typisches Bild dafür, wie Milieuveränderung und Gentrifizierung stattfindet. Das bedeutet, dass Stadtteile zu Kosten der ansässigen Bevölkerung aufgewertet werden und diese durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.

Politische Instrumentalisierung des Begriffs

Und die Wut der alteingesessenen Berliner darüber ist groß. Schon bei den Nachbarn von nebenan werden regelmäßig Beschimpfungen auf die Fassaden geschrieben. Doch noch mehr als in kleinen, alltäglichen Auseinandersetzungen merkt man den Unmut darüber vor allem im politischen Wahlkampf. Gerade die Linken versuchen mit Wahlslogans wie „Die Linke – und die Stadt gehört dir!“ derzeit Menschen anzusprechen, die sich zunehmend von der gehobenen Mittelschicht verdrängt fühlen.

Dabei gilt es meiner Meinung nach zu differenzieren – Gentrifizierung hat zwei Gesichter. Steigende Mieten, unbezahlbarer Wohnraum, Verdrängung von kiezspezifischen Gegebenheiten auf der einen Seite, aber Gentrifizierung ist ein Begriff, der zu total verwendet wird. Es ist nicht nur alles schlecht und böse. Die Stadt braucht notwendige Sanierungen und Fortschritt, um nicht in Stagnation zu verfallen. Berlin nur den alteingesessenen Berlinern? Wer so denkt, verschließt die Augen vor dem Wandel. Interessant hinsichtlich des Phänomens der Stadtveränderung ist beispielsweise auch, dass es in den Niederlanden nicht „Gentrifizierung“ genannt wird, sondern „Kvarterløft“, was frei übersetzt so etwas wie „Verschönerung“ bedeutet. Im Gegensatz zu Berlin protestieren die Niederländer nicht, warum auch, wenn es sich doch um eine Aufbesserung der Stadt handelt?

Auch die neusten Ereignisse in der Rigaer Straße zeigen deutlich, wie stark die Berliner – oder zumindest gerade die Linksautonomen und selbst ernannten Anarchisten der Stadt – um diese kämpfen. Doch kann die Gentrifizierung damit aufgehalten werden?

Ist Milieuschutz die Lösung?

Sicher nicht. Doch es gibt andere Lösungsansätze, die in der Vergangenheit ausprobiert wurden, unter dem Stichwort „Milieuschutz“. Die Soziale Erhaltungsverordnung vom 11. September 2014 versucht seitdem, unsere Kieze im richtigen Gleichgewicht zu halten. So dürfen Sanierungen beispielsweise nur in einem bestimmten Maße ausgeführt werden, um die Mietpreise niedrig zu halten, auch für Ferienwohnungen braucht es eine spezielle Genehmigung.

Auch von der „Mietpreisbremse“ ist oft die Rede. Das Problem dabei ist jedoch, dass so die Mieten knapp über dem Durchschnitt gehalten werden, aber viele Menschen eben unter dem Durchschnitt verdienen. Auch sind so viele Lücken in der Regelung zur Mietpreisbremse vorhanden, dass die Vorschriften oft geschickt umgangen werden können, wenn es um Modernisierungen oder Ähnliches geht.

Berlin wird sich auch künftig verändern

Gentrifizierung wird Berlin und seine Bewohner auch in Zukunft noch beschäftigen und für viele Konflikte sorgen, da bin ich mir sicher. Doch wie das Zusammenleben sich dadurch verändern wird, bleibt abzuwarten. Regelungen wie der Mileuschutz und eine Verbesserung der Vorschriften für Vermieter und Eigentümer, wie durch eine weitere Verschärfung der Mietpreisbremse, führen hoffentlich in Zukunft dazu, dass die Vielfalt an Bewohnern in Berlin und seinen Kiezen erhalten bleibt.

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