Antideutsche Provokation in Frankfurt/Main verhindert

Veranstaltung der Gruppe Arbeiterfotografie im Club Voltaire konnte stattfinden

Von Charly Kneffel

Damit hatten die Gastgeber wohl vorab nicht gerechnet. Eine Veranstaltung im Club Voltaire (Frankfurt) , bei der die Gruppe "Bandbreite" und Elias Davidson auftreten sollten, wurde zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, wie man sie leider mittlerweile von überall her kennt.


Wojna von der Hip-Hop-Band 'Die Bandbreite' (links) im Gespräch mit denen, die die Veranstaltung verhindern wollen



Wegen der Haltung der "Gruppe Arbeiterfotografie", aber auch der anderen Beteiligten wurde "Antisemitismus" und Ähnliches vermuttet und zum Boykott beziehungsweise zur Verhinderung der Veranstltung aufgerufen. Obwolh es zu harten Diskussionen und einer aufgeheizten, aggressiven Stimmung kam, die auch in körperliche Auseinandersetzung mündete, konnte die Veranstaltung letztlich durchgeführt werden. Ungefähr 50 Personen versuchten jedoch immer wieder zu stören, blockierten die Engänge und entwendeten zeitweilig die Kasse. Der Vorsitzende des Veranstalters "Club Voltaire", Andreas Waibel, der -als einziger - im Vorstand massiv gegen die Veranstaltung aufgetreten war, trat kurz davor zurück.

Die "Berliner Umschau" sprach darüber mit Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann von der "Gruppe Arbeiterfotografie". Wir möchten an dieser Stelle unsere Solidarität mit den Veranstaltern aussprechen.

Frage: Ihre Veranstaltung mit Elias Davidsson und der Gruppe "Bandbreite" hat ja schon im Vorfeld einiges Aufsehen hervorgerufen. Was wurde Ihnen eigentlich konkret vorgeworfen?

Das war ein breites Spektrum von Vorwürfen, die immer wieder wechselten, wenn sich herausstellte, daß Vorwürfe nicht haltbar waren. Das waren Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus, Sexismus. Der mitveranstaltenden Arbeiterfotografie wurde vorgeworfen, sie würde Faschisten nahe stehen, sei Freund des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und des ums Leben gekommenen österreichischen Politikers Jörg Haider und würde Verschwörungstheorien vertreten. Das alles entbehrt jeder Grundlage. Es geht um die Darstellung von Zusammenhängen, um das Stellen von Fragen, die meist nicht gestellt werden. Es geht z.B. um die Frage, wie Feindbilder geschaffen werden, um Kriege zu rechtfertigen. Es geht darum deutlich zu machen, daß jeder, der sich nicht dagegen stellt, mitschuldig macht, Mitschuld trägt am Tod der Menschen, den der Krieg verursacht.


Andreas Waibel, zurückgetretener Vorsitzender des Club Voltaire (links) und der Referent Elias Davidsson (rechts)



Frage: Gab es eine Möglichkeit, mit den Kritikern im Vorfeld oder auch während der Veranstaltung selbst ernsthaft zu diskutieren?

Kaum. Es war immer erkennbar, daß es nicht um einen echten Gedankenaustausch ging. Die Vorwürfe gegen die Veranstaltung waren weitgehend vorgeschoben und dienten der Diffamierung, über die die Veranstaltung verhindert werden sollte. Ziel war es, unbequeme Gedanken und Fragestellungen nicht in den öffentlichen Diskurs gelangen zu lassen. In der Stunde vor Veranstaltungsbeginn gab es Versuche, vor dem Club Voltaire Gespräche mit den Veranstaltungsgegnern zu führen. Das führte aber meist sehr schnell zu aggressiven Reaktionen. Insbesondere der Band 'Die Brandbreite' wurden drastische Schimpfwörter an den Kopf geworfen. Während der Veranstaltung gab es intensive, kontoverse und teils hitzige Diskussionen, aber nicht mit den Veranstaltungsgegnern. Von denen kam lediglich eine kleine Gruppe herein, die vor der Bühne das Transparent 'Verschwörungsideologie blockieren' entrollte und vorbereitete Parolen von sich gab.


Blockade-Aktion vor dem Eingang des Club Voltaire



Frage: Aus welcher Ecke kamen denn die Personen, die ja wohl de facto die Veranstaltung verhindern wollten?

Das ist nicht mit hundertprozentiger Gewißheit zu sagen. Mit Sicherheit waren aber zahlreiche Personen aus dem so genannten anti-deutschen Spektrum dabei. Das sind - einfach gesagt - Leute, die sich gegen die Großmachtinteressen Deutschlands richten, aber die Kriegsverbrechen Israels und der USA rechtfertigen. Über die Frage, was sie dazu bringt, auf der einen Seite gegen gefährliche Entwicklungen Front zu machen, auf der anderen Seite sich aber zum Erfüllungsgehilfen von imperialen Interessen und den damit verbundenen Verbrechen machen zu lassen, läßt sich nur spekulieren. Denkbar ist, daß es viele Mitläufer gibt. Denkbar ist aber auch, daß bezahlte Kräfte darunter sind, die im Auftrag handeln.


Eine Delegation der Veranstaltungsgegner im Club Voltaire



Frage: Und wie lief das Ganze vor Ort ab?

Auf der Straße gab es einen Aufmarsch von ca. 50 überwiegend schwarz gekleideten (jungen) Leuten, angeführt vom ehemaligen Vorsitzenden des Club Voltaire, Andreas Waibel, mit kostspielig laminierten Sandwich-Plakaten und mehrseitigen gedruckten Flugschriften. Ausgestattet mit Megaphonen hinderten sie die Besucher des Clubs und der gegenüberliegenden Nobel-Pizzeria am Durchgang der engen 'Kleinen Hochstraße' und am Zugang zum Club-Lokal. Ob dieser Aufmarsch ordnungsbehördlich überhaupt angemeldet war, ist nicht bekannt. Polizei war zunächst keine vor Ort, wurde aber zu Hilfe gerufen, als die Meute während der Veranstaltung, an der auch Behinderte im Rollstuhl teilnahmen, bedrohlich gegen die Schaufensterscheibe des Club Voltaire einhämmerte. Die Kasse wurde geraubt und ein weibliches Club-Vorstandsmitglied wurde dabei körperlich angegriffen. Jemand, der sich den Eindringlingen entgegengestellt hatte, berichtete am nächsten Tag, daß er gewürgt worden sei und er immer noch Schmerzen habe.


Referent Elias Davidsson vor dem Club Voltaire



Frage: Der Vorwurf des Antisemitismus ist ja einer der bösartigsten überhaupt? Wie wollen Sie damit umgehen?

Wir lassen uns nicht durch Tabu-Floskeln einschüchtern, denn wir sind selbstredend keine Antisemiten. Deshalb lassen wir uns keinen derartigen Dreck ans Bein binden. Alle Menschen, die des kritischen Denkens fähig sind, erkennen die krassen Widersprüche im Reden und Handeln solcher Provokateure, die ihren ungebändigten Hass selbst gegen jüdische Menschen richten, wenn sie sich der Kritik an der israelischen und an der US-amerikanischen (sic!) Politik versündigen. Diese Provokateure a la Henryk M. Broder machen mit ihren Diffamierungen nicht einmal halt vor NS-Opfern wie dem Auschwitz-Überlebenden Dr. Hajo Meyer, dem sie "Selbsthass" unterstellen. Das alles erinnert fatal an Arthur Miller's "Hexenjagd" auf "unamerikanische" und - so muß heute ergänzt werden - auf  "antizionistische Umtriebe". Eines unserer in der Antifa-Szene aktiven Mitglieder äußert sich: "Es ist ungeheurlich, was diese uns vorwerfen. Es macht mich aggressiv, mich - der über Jahre antifaschistische Politik gemacht hat und viel an Repressalien über sich hat ergehen lassen - in eine faschistische und rassistische, antisemitische Ecke stellen zu lassen. Diese sektiererischen, feigen Spinner können mich kreuzweise. Sind sie zu feige, sich einer Diskussion zu stellen oder haben sie keine Argumente?"


Während Andreas Waibel, zurückgetretener Vorsitzender des Club Voltaire, spricht, reagieren Mitglieder der Arbeiterfotografie mit kommentierenden Plakaten



Frage: Gab es erkennbare Reaktionen in der Öffentlichkeit?

Ja, zahlreiche - solche, die die Postionen der Veranstaltungsgegner wiedergeben, als auch solche, die klar für die Veranstaltung Position beziehen. Der jüdische Journalist Thomas Immanuel Steinberg schreibt bezogen auf den Vorwurf, die Arbeiterfotografie sei ein Freund Jörg Haiders: "Arbeiterfotografie hat den Tod von Haider für merkwürdig gehalten, und das war er auch. Also hat sie recherchiert und weitere Merkwürdigkeiten festgestellt. Arbeiterfotografie hat nie mit dem Halbfaschisten Haider sympathisiert, seine Sprüche gelobt oder dergleichen. Sie hat aber nach einem Interessengegensatz zwischen dem Halbfaschisten Haider und den israelischen / US-amerikanischen Halbfaschisten gesucht, weil Haiders Tod Merkwürdigkeiten aufwies; und ist fündig geworden. Das hat nichts mit Sympathie für Haider zu tun, sondern ist journalistische Recherche."


Veranstaltungsgegner am Eingang zum Club Voltaire



Evelyn Hecht-Galinski, Broder-Kontrahentin und Tochter des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, schreibt anläßlich der gegen den Bundesverband Arbeiterfotografie gerichteten Rufmord-Kampagne in einer Grußbotschaft: "Es ist mir eine Ehre für die Arbeiterfotografie Stellung zu beziehen. Diejenigen, die die Arbeiterfotografie angreifen, haben ein sehr eigenartiges Verständnis von Meinungsfreiheit - gerade in Frankfurt, der ehemaligen freien Reichsstadt. Wie weit entfernt haben sie sich von Voltaire, wenn sie zur Auseinandersetzung mit der Meinung anderer nicht mehr in der Lage sind? Dann sollten sie sich diesen großen Namen nicht mehr auf die Fahne schreiben. Also, in Voltaires Sinn: Du bist anderer Meinung als ich, aber ich werde dein Recht darauf verteidigen. Lassen Sie mich aufrufen gegen Diffamierungen und Hetzkampagnen. Dem Einsatz der Arbeiterfotografie sind wir alle zu großem Dank verpflichtet. Seien Sie sich meiner Unterstützung gewiss!"

Veröffentlicht: 13. September 2009








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